Evolution 2 – Frau „Intim“

Für Sehbehinderte als Audiofile: Dauer: ca. 26 min.

Kurzbeschreibung
Ein kluges, ein provokantes Buch über den weiblichen Körper – seine Anatomie, sein Empfinden, seine Evolution und seine Lust – und über das Frausein heute, großartig recherchiert, frech und undogmatisch geschrieben, selbstbewusst, sinnlich und grenzenlos. Die Pulitzer-Preisträgerin Natalie Angier stellt eine schier unerschöpfliche Palette an Erkenntnissen zusammen und verwirft dabei reihenweise die festgefahrenen Vorstellungen über das, was frau ist oder sein sollte. Neben seiner Wissenfülle besticht dieses Buch vor allem durch die brilliante Eloquenz und den feinsinnigen Humor der Autorin. Selten wird Wissen so spannend und unterhaltsam vermittelt wie hier.
Natalie Angier arbeitet als Wissenschaftsjournalistin für die New York Times.
Für ihre publizistische Tätigkeit ist sie mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Pulitzerpreis.

Hier auch als Taschenbuch.

Einleitung: Ins Freie, ins Licht.

Dieses Buch feiert den weiblichen Körper – seine Anatomie, seine Chemie, seine Evolution und seine Lust. Es ist ein persönliches Buch. Es ist mein Versuch, zu einer biologischen Betrachtungsweise des Frauseins zu gelangen, ohne in den Sumpf des biologischen Determinismus zu geraten. Es ist ein Buch über Dinge, die wir traditionell mit dem Bild der Frau assoziieren, wie die Gebärmutter, die Eizelle, die Brust, das Blut, die allmächtige Klitoris.

Und es handelt von Dingen, die wir normalerweise nicht damit in Verbindung bringen, wie Bewegung, Kraft, Aggression und Wut. Es ist ein Buch über das Entzücken – ein Entzücken, das sich fest auf dem Fleisch, auf den Schönheiten des Körpers, gründet. Der weibliche Körper verdient dionysische Hochachtung, und zur Stützung meiner These rufe ich die großen Geister und die Querdenker herbei, die ich am besten kenne und am meisten schätze.

Ich ziehe Naturwissenschaft und Medizin heran, um eine Arbeitskarte der Gegenden, die wir als weiblich bezeichnen, zu skizzieren und um ihre unterirdische Dynamik zu beschreiben. Ich greife auf Darwin und die Evolutionstheorie zurück, um die Ursprünge unserer intimen Landschaft zu erörtern – warum unser Körper gerade so aussieht und sich so verhält; warum er rund und glatt aussieht, aber so schroff und eckig handelt. Ich durchforste Geschichte, Kunst und Literatur nach Hinweisen darauf, wie ein bestimmter Körperteil oder eine bestimmte Körperlaune im Laufe der Jahrhunderte beschrieben worden ist.

Ich bediene mich, mit Bedacht und auch aus dem Bauch heraus, des Fundus an spektakulären Erkenntnissen, die wir in jüngerer Zeit auf dem Gebiet der Genetik, der Gehirn- und Hormonforschung und der Menschheitsentwicklung gesammelt haben, und bastle daraus mögliche Szenarien für unsere Antriebe und Handlungen. Ich werfe mit Ideen und Theorien um mich: über den Ursprung der Brust, den Zweck des Orgasmus, die Herkunft der galligen Liebe, die wir unseren Müttern entgegenbringen, den Grund, warum Frauen einander fast ebenso heftig brauchen wie schmähen. Manche dieser Theorien sind verwickelter als andere.

Manche referiere ich, weil ich im Laufe meiner Recherchen über sie gestolpert bin und sie faszinierend und brillant fand – wie beispielsweise Kirsten Hawkes‘ Hypothese, dass die Großmütter einfach dadurch die menschliche Spezies hervorbrachten, indem sie sich irgendwann weigerten, zusammen mit ihren Eierstöcken abzutreten. Andere werfe ich als Steine des Anstoßes in die Diskussion, um die Doktrin von der »weiblichen Natur« über ihre eigenen Füße stolpern zu lassen. Wieder andere werfe ich wie Reiskörner über eine Braut – als Glücksbringer, als Hoffnungsträger, aus Jux und anarchischer Tollerei.

Zugegeben, ein dionysischer Körperzustand ist nicht leicht zu erreichen, zumal der Körper der Frau im Laufe der Jahrhunderte die hanebüchensten Wertungen erdulden musste. Er ist maßlos überschätzt oder völlig ignoriert worden. Er ist als das zweite Geschlecht begriffen worden, als der Rohentwurf, das fehlerhafte Geschlecht, das mangelhafte Geschlecht, der Trostpreis, der Sukkubus, der Masculus interruptus. Wir sind unkeusch, verklemmt, viehisch und ätherisch. Wir haben mehr falsche Metaphern ertragen, als ungewollte Embryos ausgetragen.

Allerdings wissen wir Frauen sehr wohl, wie viel davon purer Schrott ist: sehr bunt, sehr kunstvoll, fast schmeichelhaft in seiner Schärfe, aber letzten Endes doch nichts weiter als Schrott. Wir mögen die Männer lieben, und wir mögen mit Männern zusammenleben, aber ein paar von ihnen haben über uns, unseren Körper und unsere Psyche, einige eklatant unzutreffende Behauptungen von sich gegeben. Nehmen wir zum Beispiel den Mythos von unserem inneren Allerheiligsten. Die Männer schauen sich unseren Körper an. Sie können unsere äußeren Geschlechtsteile nicht klar erkennen, denn unser praktisches Felldreieck, dieses natürliche Feigenblatt, verdeckt die Konturen der Vulva. Gleichzeitig gieren die Männer danach, diesen pelzenen Tempelvorhang und den äußeren Faltenwurf zu durchstoßen und zu den verborgeneren inneren Geschlechtsteilen vorzudringen, in die geweihte Basilika der Scheide.

Kein Wunder also, dass die Frau mit »Innerlichkeit« gleichgesetzt wird. Die Männer wollen das, was sie nicht sehen können, und daher nehmen sie an, wir freuten uns an unserer Hohlraumhaftigkeit, ja bildeten uns vielleicht sogar noch etwas darauf ein. Die Frau – der Kelch, die Urne, die Höhle, der moschusduftende Dschungel. Wir sind das dunkle Mysterium! Wir sind verborgenes Faltenwerk, uranfängliche Weisheit und immer, immer der Schoß, der Mutterleib: Leben bergend, Leben entlassend und es dann wieder in sich aufsaugend in jene feuchten, chthonischen Verwerfungen. »Bei ihrer Rückkehr zu diesem UrUrsprung trinkt die männliche Sexualität also aus dieser Quelle des Seins und tritt ein in die verschwommene Region – wo oben unten ist und der Tod das Leben – der Mythologie«, schreibt John Updike.

Aber, Schwestern, sind wir etwa Becher und Flaschen, Gefäße und Schachteln? Sind wir kugelnetzwebende Spinnen, kauernd im Geflecht unseres Schoßes, oder augenlose arachnidische Bewohnerinnen der Unterwelt unserer eigenen Heimlichkeit? Sind wir wirklich so innerlich und okkult? Bei Hekate, nein! Nicht mehr und nicht weniger als die Männer. Sicher, Männer haben einen Penis, der sie zu externalisieren und ihnen Stoßkraft und Wirksamkeit in der Welt über ihren Leib hinaus zu verleihen scheint. Aber die Empfindungen, die der Penis ihnen vermittelt, werden wie diejenigen, die uns die Klitoris schenkt, wunderbar innerlich, ganzheitlich erfahren. Spüren nicht sogar die Zehen den Orgasmus, welchen Geschlechts der Zehenträger auch sei? Die Männer haben äußere Hoden, während die Eierstöcke von uns Frauen tief im Bauch verwahrt liegen, knapp unterhalb der Linie unserer Hüftknochen. Aber beiderlei Organe schütten ihre Sekrete und üben ihre endokrinologischen und reproduktiven Wirkungen innerlich aus. Männer leben im Kopf, nicht anders als wir: Gefangene des Märchens vom universalen Geist.

Gleichzeitig haben weder wir noch die Männer eine besonders klare Vorstellung davon, was unser innerer Körper von einem Augenblick zum anderen so treibt, welche Aufgaben Leber, Herz, Hormone, Neuronen erfüllen. Dennoch verleiht der Besitz all dieser mächtigen heimlichen organischen Aktivität uns, Männern wie Frauen, eine fast mystische Aura. Ich habe eine Bauchspeicheldrüse: Rätselhaft bin ich.

Selbst während der Schwangerschaft, dem Ereignis, das vielleicht am ehesten dem Bild der Frau als einer unterweltlichen Zauberin gerecht wird, befindet sich die werdende Mutter keineswegs immer im Einklang mit ihrem gewaltigen, in Finsternis gehüllten Zauber. Ich erinnere mich, wie ich in der Aufgetriebenheit meines letzten Schwangerschaftsdrittels saß und mein Töchterchen praktisch ununterbrochen zappeln fühlte. Aber ich hatte keine Ahnung, ob sie ihr amniotisches Trampolin gerade mit dem Füßchen, mit dem Ellbogen oder mit dem Kopf bearbeitete, geschweige denn, ob sie es aus Übermut, Ungeduld oder Langeweile tat.

Bevor ich eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen ließ, war ich davon überzeugt gewesen, meine – weibliche? mütterliche? reptilische? – Intuition habe bereits das Geschlecht des Fetus ermittelt. Es war eine viszerale Gewissheit, und sie fühlte sich absolut nach einem Jungen an. Ich träumte einmal von einem leuchtend königsblauen Ei, und als ich aufwachte, genierte ich mich ein wenig wegen der platten Klischeehaftigkeit dieses Symbols. Aber wenigstens steht es damit fest, dachte ich: Mama brütet ein Bübchen aus. Nun, das Fruchtwasser war anderer Meinung: »Er« war eine Sie. Die Gleichsetzung des weiblichen Körpers mit Mysterium und Allerheiligstem erstreckt sich in alberner Weise auf alles Mögliche. Wir werden mit der Nacht in Zusammenhang gebracht, mit der Erde und natürlich mit dem Mond, der wie der hüpfende Gummiball alter Hollywood-Musicals so geschickt unserer »unentrinnbaren« Zyklizität folgt.

Wir nehmen zum Eisprung hin zu, mit dem Blut wieder ab. Der Mond saugt an uns, er zieht an unserer Gebärmutter, beschert uns sogar unsere Menstruations-krämpfe. Meine teuersten Ladys, wandelt euch jemals die Lust an, euch nachts aus dem Haus zu schleichen und den Vollmond anzuheulen? Vielleicht ja. Der Vollmond ist schließlich wunderschön, besonders wenn er knapp über dem Horizont steht und leicht zu butteriger Brüstigkeit verschwimmt. Aber dieser Drang, vor Freude aufzuheulen, steht in keinem engeren Zusammenhang mit unserem Tamponverbrauch. Ja, ich würde sogar die Vermutung wagen, dass die meisten von uns – derjenigen unter uns, die menstruieren – nicht die leiseste Ahnung haben, in welche Mondphase ihre Periode überhaupt fällt.

Doch mentale Flatulenzen sind schwer totzukriegen, und so begegnen uns immer neue Beschreibungen der Frau, deren Abgedroschenheit nur noch von ihrer pseudomystischen Plattheit überboten wird – wie zum Beispiel die folgende aus Camille Paglias
Die Masken der Sexualität:
»Die Zyklen der Natur sind die Zyklen der Frau. Das Leben der Frau ist eine Abfolge von wiederkehrenden Kreisläufen, deren Anfang und Ende zusammenfallen. […] Die Frau träumt nicht davon, dem Naturzyklus in die Transzendenz oder in die Geschichte zu entrinnen, da sie selbst dieser Zyklus ist. Die Reife ihrer Sexualität bedeutet eine innige Verbindung zum Mond, unterwirft sie dem Rhythmus der lunaren Phasen. […] Die Alten wussten, dass die Frau dem Naturkalender gehorcht, eine Berufung, der sie sich nicht zu entziehen vermag. […] Sie weiß, dass es keine Willensfreiheit gibt, weil sie nicht frei ist. Ihr bleibt nur, sich zu fügen. Ob sie Mutter werden will oder nicht, die Natur zwingt sie unter das Joch des unerbittlichen, unwandelbaren Rhythmus der Fortpflanzung. Der Menstruationszyklus ist eine Unruhe stiftende Uhr, die erst stillsteht, wenn es der Natur passt. […] Mond, Monat, Menstruation: ein Wort, eine Welt.«

Ach ja… Nichts ist so beweiskräftig wie eine Etymologie.

Es kann ein Mädel wirklich bestürzen, ja wahnsinnig machen, Zeugin der jüngsten Auferstehung all jener stinkigen Klischees zu werden, die ich – und ihr, meine Schwestern, vermutlich nicht minder – schon längst gerädert, gevierteilt und eingeäschert gewähnt hatte. Ich schreibe und lese schon seit Jahren über Biologie und Evolution, und es hängt mir ehrlich gesagt allmählich zum Hals raus, wie man uns das Etikett »Naturwissenschaft« an den Weiberhintern klatscht und anschließend mit einem Gewäsch von scheinbar knallhartem Realismus festklebt.

Ich bin es müde, mir von Evolutionspsychologen, Neodarwinisten oder Geschlechtsbiologen erzählen zu lassen, sämtliche je über uns verbreiteten Enten seien doch die reine Wahrheit: Wir hätten im Vergleich zu den Männern tatsächlich einen eher lauen Geschlechtstrieb, einen ausgeprägteren Hang zur Monogamie, ein – außer in einem rein sexuellen Kontext – relativ geringes Interesse an Leistung und Anerkennung, eine ausgeprägtere Neigung zum Sein als zum Tun, ein ruhiges, selbstgenügsames Wesen, einen höheren Grad von »Freundlichkeit«, einen unmathematischen Kopf und so weiter und so weiter, und dies seit unseren verschwommen-paläolithi-schen Anfängen.

Ich bin es müde, mir anhören zu müssen, es gebe stichhaltige evolutionäre Gründe für diese angeblichen urweiblichen Wesensmerkmale und es sei unsere verdammte Pflicht, ihnen offen, mutig und lächelnd ins Auge zu blicken. Desgleichen bin ich es müde, gesagt zu bekommen, ich dürfe nicht zulassen, dass meine feministischen Vorurteile mich daran hindern, »die Realität« zu sehen und »die Fakten« anzuerkennen.

Ich bin deswegen all dessen müde, weil ich den Animalismus liebe und die Biologie liebe und den Körper liebe, insbesondere den weiblichen Körper. Ich finde es herrlich, was der Körper dem Gehirn bringt, wenn es in einen deprimierten oder überspannten Zustand gerät. Aber viele der im Umlauf befindlichen Geschichten über das angeborene Ewigweibliche sind so dürftig, so unvollständig und ungenau, so auffällig bar jedes echten Beweises, dass sie einfach nicht wahr klingen – in meinen Ohren nicht und, wie ich vermute, auch nicht in den Ohren vieler anderer Frauen, die sich größtenteils ohnehin nicht darum kümmern, was die Naturwissenschaften ihnen und über sie zu erzählen haben.

Gleichzeitig sind die Standardargumente gegen den Darwinismus und die biologische Betrachtungsweise des Frauseins auch keineswegs immer überzeugend, gründen sie sich doch oft genug auf einer Leugnung des Körpers oder zumindest des Einflusses, den dieser auf unser Verhalten hat. Es klingt dann so, als seien wir reiner Geist und reiner Wille, zu lebenslänglicher, immer neuer psy-chospiritueller Wiedergeburt fähig, in keiner Weise auf unseren Körper angewiesen, ja selbst darüber erhaben, uns gelegentlich etwas von ihm sagen zu lassen. Leider finden sich unter den Kritikern des Darwinismus und des Biologismus nicht wenige Feministinnen und Progressive – aufgeklärte, ehrenwerte Bürgerinnen und Bürger, zu denen zu gehören ich mir normalerweise selbst schmeichle.

Zugegeben, die Kritiker haben mit ihren Einwänden nicht Unrecht, insbesondere wenn sich diese gegen den Mythos vom passiven Frauchen richten oder etwa gegen Studien, die die angebliche kongenitale Leistungsschwäche des weiblichen Geschlechts in Sachen Mathematik nachweisen sollen. Dennoch ist es etwas enttäuschend, wenn sie nichts anderes fertig bringen, als Nein zu sagen. Sie mäkeln an Details herum, nörgeln, verwerfen. Hormone spielen keine Rolle, Gelüste spielen keine Rolle; Gerüche, Sinnesreize und Geschlechtsteile spielen keine Rolle. Alles ist erlernt, alles ist gesellschaftlich bedingt, alles ist die Folge kultureller Konditionierung.

Hinzu kommt, dass diese Kritiker von der – oft unausgesprochenen – Voraussetzung ausgehen, der Mensch sei etwas Besonderes: vielleicht besser, vielleicht schlechter, aber auf alle Fälle von jedem anderen tierischen Erzeugnis der Evolution grundsätzlich verschieden. Und da dem so ist – so ihr impliziter Gedankengang -, haben wir durch das Studium anderer Spezies nur wenig zu gewinnen, was unser Verständnis unserer selbst anbelangt, während namentlich wir Mädels sehr viel zu verlieren haben. Habe es uns letztlich jemals etwas eingebracht, mit einer Laborrättin verglichen zu werden?

In Wahrheit können wir jedoch aus dem Studium anderer Spezies sogar eine ganze Menge über uns selbst lernen. Wie sollten wir auch nicht? Wer andere Tiere beobachtet und in deren Verhaltensweisen nicht Einzelaspekte seiner selbst wieder erkennt, dem fehlt doch offensichtlich etwas zu einem vollständigen Menschen, oder? Ich zumindest möchte von anderen Tieren lernen. Ich möchte von der Präriewühlmaus lernen, wie wichtig es ist, möglichst oft und lange mit Freunden und Geliebten zu kuscheln.

Ich möchte von meinen Katzen, diesen Meistern des Nichtstuns, die hohe Kunst der Entspannung erlernen. Ich möchte von den Zwergschimpansinnen, unseren Bonobo-Schwestern, lernen, wie sich Meinungsverschiedenheiten auf friedliche und angenehme Weise, durch schlichtes Aneinanderreiben der Genitalien, aus der Welt schaffen lassen. Ich möchte auch den Wert der Schwesterlichkeit wieder entdecken, des Zueinanderhaltens und Füreinandereintretens, das die Bonoboweibchen so konsequent praktizieren, dass sie nur selten von Männchen vergewaltigt oder auch nur belästigt werden — und dies, obwohl die Männchen größer und stärker als sie sind.

Wenn es den Frauen in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, Probleme wie sexuelle Belästigung, Gewalt in der Ehe und Vergewaltigung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und des Gesetzgebers zu rücken, dann nur durch beharrliche, organisierte schwesterliche Aktivität – durch eine Strategie also, die Bonoboweibchen auf ihre eigene protokognitive Weise bereits vor Jahrmillionen vervollkommnet haben dürften.

Ich bin davon überzeugt, dass wir ebenso sehr von anderen Spezies wie aus unserer Vergangenheit und unseren Organen lernen können, und das ist auch der Grund, weswegen ich dieses Buch als eine Art »Science-Fantasia« des Frauseins konzipiert habe. So leicht, wie wir von der Naturwissenschaft ausgenutzt werden können, können wir die Naturwissenschaft zu unseren Zwecken nutzen. Wir können sie zu unserer Selbstverherrlichung oder schlicht zu unserem Vergnügen nutzen.

Phylogenese, Ontogenese, Genetik, Endokrinologie: Aus allem können wir uns nach Herzenslust bedienen, und was das angeht, kenne ich keine Hemmungen. Ich durchstöbere das weibliche Chromosom, das Riesending namens X, und frage, warum es so groß ist und ob es irgendwelche besonders bemerkenswerten Eigenschaften hat (es hat sie). Ich frage, warum die Geschlechtsteile der Frau so riechen, wie sie riechen. Ich gehe den biochemischen Veränderungen nach, die eine Frau im Laufe ihres Lebens durchmacht – zum Beispiel während des Stillens und der Menstruation, beim Eintritt in die Pubertät und in den Wechseljahren -, und denke laut darüber nach, inwiefern jede von ihnen die Monotonie der physiologischen Homöostase durchbricht und die Möglichkeit einer größeren Klarheit, einer Schärfung der Sinne bedingt.

Und da wir keine geschlossenen Systeme sind, sondern durchlässige Schwebteilchen in der Lösung unseres jeweiligen Mikro-Universums, stelle ich mir die Frage, in welchem Ausmaß unser Organismus chemische Signale aus der Außenwelt in sich einsaugt und wie dieses Durchtränkt-werden mit der Welt unser Verhalten beeinflusst — wie aus Inspiration Offenbarung wird. Inhaltlich bewegt sich das Buch grob gesagt vom Kleinen hin zum Großen, von der Kompaktheit und Konkretheit der Eizelle bis hin zum uferlosen süßen Sumpf der Empfindung, die wir Liebe nennen. Es zerfällt in zwei Hauptabschnitte, wovon der erste einzelne Organe – die Kunstobjekte unserer Anatomie – behandelt, der zweite die Kommunikationssysteme unseres Organismus, die hormonellen und neurologischen Grundlagen unserer Handlungen und Sehnsüchte.

Ich sollte vielleicht noch kurz sagen, wovon dieses Buch nicht handelt. Es handelt nicht von den biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern oder davon, wie ähnlich oder unähnlich sich Männer und Frauen im Einzelnen sein mögen. Dass der Mann und die Biologie des männlichen Körpers trotzdem darin immer wieder zur Sprache kommen, liegt in der Natur der Sache. Zu einem guten Teil beruht unser Selbstverständnis auf der Abgrenzung zum Anderen, und der nächste verfügbare Andere ist für uns Frauen nun einmal der Mann.

Aber auf die Frage, warum bei Männern und Frauen jeweils unterschiedliche Bereiche des Gehirns aktiviert werden, wenn sie sich schöne Erlebnisse oder Einkaufszettel vergegenwärtigen, oder was diese Unterschiede über die Tatsache aussagen könnten, dass du über eure Beziehung reden möchtest, während er sich viel lieber ein Fußballspiel ansehen würde, gehe ich im Folgenden nicht ein. Ich stelle keine Vergleiche zwischen den spezifischen intellektuellen Stärken und Schwächen von Männern und Frauen an.

Ich frage nicht danach, welches Geschlecht den besseren Geruchssinn oder Ortssinn hat oder die von Natur aus bessere Fähigkeit besitzt, sich den Weg zu einem beliebigen Ziel erklären zu lassen. Selbst wenn ich, im 18. Kapitel, ein paar evolutionspsychologische Theorien über die Gründe der angeblichen Diskrepanzen zwischen männlichen und weiblichen Fortpflanzungsstrategien analysiere, geht es mir dabei weniger um die seit einiger Zeit wieder aktuelle Diskussion über die Verschiedenheit der Geschlechter als vielmehr darum, das blutleere Bild, das die Evolutionspsychologen von der Frau zeichnen, in Frage zu stellen.

Mit einem Wort: Dieses Buch ist kein Frontbericht zum Kampf der Geschlechter; es ist ein Buch über Frauen. Und auch wenn ich hoffe, dass meine Leserschaft durchaus auch Männer einschließen wird, gehe ich beim Schreiben doch davon aus, dass mein typisches gedachtes Gegenüber ein Mädel sein wird – ein Wort übrigens, das ich im ganzen Buch immer wieder (ohne jede Altersbeschränkung) gebrauche, weil es mir gefällt und weil ich mich von keinem gegenteiligen Indiz vom Glauben abbringen lasse, dass es kurz davor steht, wieder in Mode zu kommen.
Noch eines ist dieses Buch nicht, und zwar ein praktischer Ratgeber.

Es enthält keine Gesundheitstipps für Frauen. Wann immer ich kann, referiere ich den gegenwärtigen Stand der biologischen und medizinischen Forschung, und wenn die Wissenschaftler sich uneinig sind, halte ich mit meiner persönlichen Meinung nicht hinter dem Berg. So zum Beispiel, wenn es um die Östrogene geht. Die Östrogene gehören zu meinen absoluten Lieblingshormonen. Ich halte sie für eine wahre biologische Tondichtung, und in dem ihnen gewidmeten Kapitel bemühe ich mich nach Kräften, diese meine Ansicht zu begründen. Aber der Östrogenkomplex hat einen Januskopf: Er schenkt einerseits Leben und Gehirntätigkeit, andererseits kann er uns den Tod bringen.

Was immer die letztendlichen Ursachen des Brustkrebses sein mögen – ausgelöst wird das Leiden oft durch die Östrogene. Ich bin also zwar einerseits froh, mit meinem normalen weiblichen Quantum auf die Welt gekommen zu sein, aber ich habe andererseits nie versucht, meinen Bestand durch irgendwelche Präparate aufzustocken. Ich habe noch nie in meinem Leben die Pille genommen, und ich habe erhebliche Vorbehalte gegen die Östrogen-Substitutionstherapie -ein Thema, mit dem ich mich an gegebener Stelle ausführlich, aber ohne jeden missionarischen Eifer auseinander setze.

Mein Buch ist kein zweiter Aufguss von Unser Körper, unser Leben – einem wunderbaren Werk, dem wir Feministinnen alle unendlich viel verdanken und das wahrlich keiner faden Nachahmungen bedarf. Thema meines Buches ist die Frage: Was macht eine Frau aus? Aber an ihre Beantwortung, an die Erörterung dessen, was denn das Wesen der Weiblichkeit ausmacht, kann ich mich nur unbeholfen heranpirschen, befrachtet mit allen meinen persönlichen Vorlieben und Abneigungen, Eindrücken und Wünschen. Letztlich muss natürlich jede Frau nach Prüfung ihrer Gaben und Errungenschaften für sich selbst entscheiden, was sie zu einer Frau gemacht hat.

Ich hoffe einfach, aufzeigen zu können, dass der Körper zumindest ein Teil der Antwort ist: ein Wegweiser zu Sinn-haftigkeit und Freiheit. Mary Carlson von der Harvard Medical School prägte den Begriff »Biologie der Befreiung« (liberation biology) und bezeichnete damit die Nutzung biologischer Erkenntnisse mit dem Ziel, unsere psychischen Wunden zu heilen, unsere Ängste zu verstehen und das Beste aus dem zu machen, was wir haben, und aus denen, die uns haben und uns lieben werden. Es ist ein wundervoller Begriff. Wir brauchen die Befreiung, die permanente Revolution. Und wo könnten wir mit unseren subversiven Aktionen besser beginnen als vor den Toren des Palastes, den wir schon seit so vielen Jahren bewohnen?

PS. Auch ich bin es leid mit dem Schwachsinn eines morphium- und kokainsüchtigen Freud; mit Studien, die nach wie vor mit biologischen Ursachen die männliche Überlegenheit begründen; mit Wissenschaftler_innen, die nur aus egoistischen Gründen der männlichen Hegemonie in den Arsch kriechen, konfrontiert zu werden. Und nicht zuletzt bin ich es auch leid von den männlichen Heerscharen, die glauben, dass sie uns Frauen mit ihrer bodenlosen Dämlichkeit erklären zu können, wie wir zu sein haben, zu hören oder zu lesen. Anstatt solchen Kack-Scheiß zu labern, sollten sie sich mal mit sich selbst beschäftigen, dafür gibt es nämlich jede Menge bedarf, von sexueller Gewalt über Minderwertigkeitskomplexe bis unzureichende sexuelle Potenz, das würde nicht nur ihnen helfen, sondern auch uns Frauen.