Sex,

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wie könnte es auch anders sein, spielt bei einer Spezies die sich sexuell reproduziert eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle in ihrem Leben. Zumal Sex nicht nur der Arterhaltung dient, sondern vor allem auch der Lust. Warum vor allem?

Nun ganz einfach, zumindest aus der Sicht von uns Frauen, wir haben nämlich ein Organ, die Klitoris, dass für die Reproduktion unnötig ist und folglich nur unserer Lust dient. Und uns obendrein multiple Orgasmen ermöglicht, die wir auch nicht für die Reproduktion brauchen. Mit anderen Worten, wir Frauen haben ein geniales Lustsystem, das Männer nicht haben. Das bedeutet nämlich auch, dass die männliche Potenz verglichen mit unserer weiblichen Potenz ein Furz im Winde ist.
Keine Frage, es wurde deswegen absichtlich von den männlich dominierten Wissenschaften (Medizin, Anatomie, Psychologie etc.) bis 1995 ignoriert. Und es war deswegen auch kein Zufall, dass es eine Frau war, die das Ignorieren unserer Klitoris durch Wissenschaftler beenden musste. Entsorgte sie doch damit auch den Mythos der überlegenen männlichen Potenz auf die mindestens tausendjährige mittlerweile überfüllte Müllhalde männlicher Überheblichkeit.

Eine plausible Erklärung für die Ignoranz unserer Klitoris ist u.a. ein Satz von der Webseite abc.net.au auf der ein Interview mit Dr. Helen O’Connell gepostet ist. – „Narration: The learned gentlemen of the Renaissance didn’t miss the clitoris completely. But they were much more interested in trying to prove a classical theory that women’s genitals were just an inside-out version of men’s. – Der letzte Satz bedeutet sinngemäß: Dass mehr Interesse daran bestand, die klassische Theory zu beweisen, dass die Vagina nur ein nach innen gestülpter Penis ist.
Und dass das schwachsinniges männliches Gelaber war und ist, müsste ja eigentlich auch für einen Laien erkennbar sein.

Ein interessanter Vergleich ist deswegen auch die unterschiedliche Thematisierung von Sex zwischen Natalie Angier und G. F. Miller. Während Natalie Angier die Lust mehr fokussiert, macht Miller quasi das Gegenteil, indem für ihn die sexuelle Selektion wichtiger ist. Dass dadurch völlig andere Ergebnisse zustande kommen, dürfte nachvollziehbar sein.
Zwar bezieht sich ihre folgende Kritik nicht explizit auf Miller aber ihre Aussage unterschreibe ich, ohne mit den Wimpern zu zucken.

Es kann ein Mädel wirklich bestürzen, ja wahnsinnig machen, Zeugin der jüngsten Auferstehung all jener stinkigen Klischees zu werden, die ich – und ihr, meine Schwestern, vermutlich nicht minder – schon längst gerädert, gevierteilt und eingeäschert gewähnt hatte. Ich schreibe und lese schon seit Jahren über Biologie und Evolution, und es hängt mir ehrlich gesagt allmählich zum Hals raus, wie man uns das Etikett »Naturwissenschaft« an den Weiberhintern klatscht und anschließend mit einem Gewäsch von scheinbar knallhartem Realismus festklebt.

Ich bin es müde, mir von Evolutionspsychologen, Neodarwinisten oder Geschlechtsbiologen erzählen zu lassen, sämtliche je über uns verbreiteten Enten seien doch die reine Wahrheit: Wir hätten im Vergleich zu den Männern tatsächlich einen eher lauen Geschlechtstrieb, einen ausgeprägteren Hang zur Monogamie, ein – außer in einem rein sexuellen Kontext – relativ geringes Interesse an Leistung und Anerkennung, eine ausgeprägtere Neigung zum Sein als zum Tun, ein ruhiges, selbstgenügsames Wesen, einen höheren Grad von »Freundlichkeit«, einen unmathematischen Kopf und so weiter und so weiter, und dies seit unseren verschwommen-paläolithischen Anfängen.

Ich bin es müde, mir anhören zu müssen, es gebe stichhaltige evolutionäre Gründe für diese angeblichen urweiblichen Wesensmerkmale und es sei unsere verdammte Pflicht, ihnen offen, mutig und lächelnd ins Auge zu blicken. Desgleichen bin ich es müde, gesagt zu bekommen, ich dürfe nicht zulassen, dass meine feministischen Vorurteile mich daran hindern, »die Realität« zu sehen und »die Fakten« anzuerkennen.

Ich bin deswegen all dessen müde, weil ich den Animalismus liebe und die Biologie liebe und den Körper liebe, insbesondere den weiblichen Körper. Ich finde es herrlich, was der Körper dem Gehirn bringt, wenn es in einen deprimierten oder überspannten Zustand gerät. Aber viele der im Umlauf befindlichen Geschichten über das angeborene Ewigweibliche sind so dürftig, so unvollständig und ungenau, so auffällig bar jedes echten Beweises, dass sie einfach nicht wahr klingen – in meinen Ohren nicht und, wie ich vermute, auch nicht in den Ohren vieler anderer Frauen, die sich größtenteils ohnehin nicht darum kümmern, was die Naturwissenschaften ihnen und über sie zu erzählen haben.

Leider finden sich unter den Kritikern des Darwinismus und des Biologismus nicht wenige Feministinnen und Progressive – aufgeklärte, ehrenwerte Bürgerinnen und Bürger, zu denen zu gehören ich mir normalerweise selbst schmeichle.

Dass es sowohl Feministinnen als auch Progressive gibt, die damit nicht klarkommen, ist bei dem breiten Spektrum, zu dem auch konservative, ja im Grunde genommen frauenfeindliche Feministinnen sowie Progressive gibt, ist ein Phänomen, das sich m.E. am besten mit der Phänomenologie der Erfahrung erklären lässt. Denn die jeweiligen unterschiedlichen Sozialisierungen spielen dabei ja eine wichtige Rolle.

Das wird ja u.a. auch durch die immer noch herrschende defizitäre sexuelle Aufklärung belegt. Wenn ich selbst nicht weiß, was und wo ich etwas lustvoll empfinde, dann kann ich es auch niemanden sagen. Und ohne im Bett zu kommunizieren, kann es auch nicht lustvoll werden.

Ob dabei der zum Himmel stinkende Schwachsinn immer noch eine Rolle spielt, mit dem früher Männer der Frau die Lust am Sex ausgetrieben haben, kann ich nur vermuten, aber da längst totgeglaubtest länger lebt, als frau denkt, könnte es durchaus möglich sein.

Es ist wirklich längst überfällig, dass Männer damit aufhören müssen, uns Frauen unsere Sexualität erklären zu wollen, zumal sie sowohl über ihre Eigene als auch über die Regeln der Kunst so gut, wie nichts wissen.

Dazu fällt mir noch ein, dass viele Männer nicht begreifen wollen oder können, dass sie mit einer Frau nur Sex haben können, wenn sie es will. Wenn sie es nicht will, bleibt ihnen nur eine Option, und die ist wichsen. Nein heißt definitiv nicht ja.

PS. Einiges gilt nicht für alle sexuellen Orientierungen.

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8 Gedanken zu „Sex,

    • Auf was beziehst du dich? Hormone habe ich nämlich nicht erwähnt. Dass es keinen Einfluss hat, habe ich nie behauptet. Gleichwohl ist die von dir geglaubte Wichtigkeit des Hormons nichts weiter als ein Mythos.

  1. Das finde ich alles ziemlich verkopft. Warum muss ueberhaupt jemand anderen etwas ueber Sexualitaet erzaehlen, wofuer Wissen ueber Sexualitaet, und woher kaemen schon allgemeingueltige „Regeln der Kunst“?
    Warum sollte es bei Menschen nicht genauso einfach funktionieren wie bei unzaehligen Arten von Tieren, die offensichtlich ueberhaupt kein Problem mit ihrer Sexualitaet haben?
    Oft habe ich schon den Eindruck, dass die Menschheit sich das Leben mutwillig komplizierter und schwieriger macht als es eigentlich sein koennte…

    • Warum muss ueberhaupt jemand anderen etwas ueber Sexualitaet erzaehlen

      Warum predigt das Christentum seit gut 2000 Jahren, dass lustvolle Sexualität Sünde ist, und Sex nur bei der Reproduktion keine Sünde ist? Warum war der englische Kapitän Cook 1769 darüber erstaunt, dass die Tahitianer sich in aller Öffentlichkeit dem Geschlechtsverkehr hingaben und alle Triebe und Leidenschaften vor Zeugen befriedigten?

      wofuer Wissen ueber Sexualitaet, und woher kaemen schon allgemeingueltige „Regeln der Kunst“?

      Warum gibt es millionen Ratgeber für Sex? Weil die meisten nichts darüber wissen, aber es offensichtlich wollen. Die Regeln der Kunst, haben sich aus den Erfahrungen mit lustvollem Sex entwickelt. Die können aber nur von denjenigen erfahren werden, die Kennnisse sowohl über ihren eigenen Körper haben als auch über den ihres Partners.

      Warum sollte es bei Menschen nicht genauso einfach funktionieren wie bei unzaehligen Arten von Tieren, die offensichtlich ueberhaupt kein Problem mit ihrer Sexualitaet haben?

      Warum gibt es dieses Phänomen nur in den sogenannten „zivilisierten“ von Männern dominierten Kulturen? Weil den Menschen vor allem qua Religionen erzählt wird, etwas Besseres als Tiere zu sein.

      Das ist in der Tat alles verkopft, aber anders funktioniert Macht über andere nicht, folglich braucht sich auch keiner darüber wundern, dass der „zivilisierte“ Mensch die Verbindung zu seinen Wurzeln verloren hat. Dass Kinder sexuell missbraucht werden, dass Mädchen und Frauen vergewaltigt werden, dass es überhaupt sexuelle Gewalt gibt.

  2. „Nun ganz einfach, zumindest aus der Sicht von uns Frauen, wir haben nämlich ein Organ, die Klitoris, dass für die Reproduktion unnötig ist und folglich nur unserer Lust dient. Und uns obendrein multiple Orgasmen ermöglicht, die wir auch nicht für die Reproduktion brauchen.“

    Bei Männern ist es auch nicht viel anders. Die Lust ist der Anreiz, der die Reproduktion sichert. Daher dient die Klitoris – ebenso wie männliche Organe, die Lust bereiten können – der Reproduktion. Würde Sex keine Lust bereiten, würde sich niemand fortpflanzen.
    Urteilt man nach der Quantität der Orgasmen, empfinden Frauen wohl eine länger anhaltende Lust als Männer. Aber kommt es so auf Orgasmen an? Wie ist die lange Zeit vor einem hinausgezögerten Orgasmus beim Mann verglichen mit den multiplen Orgasmen der Frau? Kann die nicht ebenso höchst lustvoll sein? Sind multiple Orgasmen der Frau nicht auch ein wenig ein Mythos? Männer können ja auch wieder nach ein paar Minuten.

    • Ach ja, mal wieder ein Mann, der glaubt, dass er mit seinem defizitären Wissen uns Frauen erklären zu können, welche Funktion unsere Klitoris hat.

      Jahrtausende lang wurde die Frau zur Reproduktion gezwungen, und das hat ihr todsicher keine Lust bereitet.

      Da du nicht mal den Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sexualität kennst, halte lieber deine Klappe oder
      geh beten, anstatt dich mit solchem Mist zu blamieren.

      • Die Klitoris mag ja viele Funktionen haben. Nur klar ist auch, dass sich jene Gene durchgesetzt haben, die ein Organ hervorbringen, das die Frau Lust empfinden lässt. Der Schluss liegt nahe, dass sich Frauen erfolgreicher fortgepflanzt haben, die beim Sex Lust hatten.

        „Jahrtausende lang wurde die Frau zur Reproduktion gezwungen, und das hat ihr todsicher keine Lust bereitet.“
        Das sollte differenzierter betrachtet werden. Du sagst ja selbst, wie lustvoll Sex für Frauen ist.

        „Da du nicht mal den Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sexualität kennst, …“
        Dann klär deine Leser auf. Woher sollen es die Männer auch besser wissen, wenn Frauen nichts sagen. Bisher entnehme ich deinem Beitrag v.a., dass Frauen ein „geniales Lustsystem“ haben, was ich nicht infragegestellt habe. Deine Vorstellungen über die männliche Sexualität scheinen mir jedoch zu simpel gestrickt.

      • „Jahrtausende lang wurde die Frau zur Reproduktion gezwungen, und das hat ihr todsicher keine Lust bereitet.“

        Das sollte differenzierter betrachtet werden. Du sagst ja selbst, wie lustvoll Sex für Frauen ist.

        Das widerspricht ja wohl der Explosion der Weltbevölkerung, gegen ende des 19. Jahrhunderts, in der Zeit wurden Frauen auch zur Reproduktion gezwungen.
        Lust ist Lust und hat mit Reproduktion überhaupt nix zu tun.

        Dann klär deine Leser auf. Woher sollen es die Männer auch besser wissen, wenn Frauen nichts sagen.

        Nee mein Herr, zum Sex gehören zwei, und es ist definitiv nicht die Aufgabe von uns Frauen, den Männern ihr Informationsdefizit zu beenden. Zumal es heutzutage durchs Internet noch nie so einfach war, darüber Informationen zu bekommen.

        Deine Vorstellungen über die männliche Sexualität scheinen mir jedoch zu simpel gestrickt.

        Wenn du meinst. 🙂
        Aber dann wäre es als Mann deine und nicht meine Aufgabe, die Leser darüber aufzuklären, wie sie ist, nicht wahr?

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