Der Reiz des Verbotenen…

Lust ist der Motor für Sex und keine Gene bzw. Hormone, deren Wirkungen ich zwar nicht verhindern kann, aber auch sie können mich nicht dazu zwingen, wenn ich keine Lust habe. Wenn ich nicht ficken will, könnte ich nur vergewaltig werden. Demnach ist es Schwachsinn zu behaupten, wir hätten keinen freien Willen. Basta cosi.

Das Zitierte stammt aus dem 1992 erschienen Buch „Befreiung zur Lust“ von Nancy Friday. Und die Thematik ist gerade heute durch die neuen biologischen Kreuzzüge wieder aktuell. Weil sie sie zweifelsfrei als männlichen Schwachsinn entlarvt.

Den Reiz des Verbotenen symbolisiert für die Frau der Griff der dunklen Gestallt an ihre Weiblichkeit.

Der Reiz des Verbotenen. Seite 348 bis 351
Auch meine eigenen Phantasien sind in diesem Bereich angesiedelt. Sie handeln stets davon, wie ich mich gegen Autoritäten auflehne und welche enormen Risiken ich eingehen muß, wenn ich heimlich die Rolle des anständigen Mädchens abstreife, in der ich mich immer noch sehe. Wie eine Katze mit einem Wollknäuel spielen meine Phantasien mit Schuldgefühlen und reizen meine Sinne. Die Verletzung gesellschaftlicher Normen, die Gefahr, meinen Status als anständiges Mädchen zu verlieren, war fraglos ein entscheidender Faktor bei der emotionalen Loslösung von meiner Mutter und bei der Suche nach meiner Identität. Dieses Thema hat mich in meinen Phantasien ein Leben lang begleitet, unabhängig davon, welche Identität ich im wirklichen Leben gefunden hatte. Daran wird deutlich, in welchem Maße wir vom Weltbild unserer Mütter abhängen oder, um es anders auszudrücken, wie wichtig die Rolle der Sexualität für unsere Gesamtpersönlichkeit ist und wie sorgfältig sie daher von frühester Kindheit an gehegt und gefördert werden sollte. Wäre mir schon in sehr jungen Jahren das Gefühl vermittelt worden, daß meine Sexualität, mein Körper und meine Genitalien etwas Schönes und mindestens ebensoviel wert sind wie Folgsamkeit und gute Noten und daß insbesondere der Masturbation nichts Schändliches anhaftet, dann hätten ich und die Frauen in diesem Buch sicherlich nicht so schwer zu kämpfen. Wir müßten nicht so viele Normen verletzen, um unsere Schuldgefühle zu überwinden und zu uns selbst zu finden.

Wie bei Cara sind auch meine Phantasien oft in der Öffentlichkeit angesiedelt. Immer spielen die knappe Zeit und die Gefahr des Ertapptwerdens eine Rolle – natürlich vor dem Orgasmus. Caras Ma-sturbationsphantasie, die davon handelt, daß sie in einem Restaurant vor einem Mann niederkniet und es ihm besorgt, hat ihren Ursprung sicherlich darin, daß sie die Einstellung ihrer Eltern zur Sexualität ablehnt. In Wirklichkeit hat Cara nichts dergleichen getan; sie ist zwei-undzwanzig Jahre alt und noch Jungfrau. Aber ihre Sexualität ist mit tiefen Schuldgefühlen belastet, gegen die sie in ihren Phantasien ankämpft.

Manche Männer finden es erregend, Phantasien, wie ich sie habe, auszuprobieren. Manche Männer finden Frauen, die das Spiel lieben und die Gefahr suchen, am aufregendsten. Andere Männer wiederum würden uns nicht einmal mit der Zange anfassen wollen, weil wir so gar nicht ihren Erwartungen entsprechen. Mit einem Wort: Weil.wir so unweiblich sind.

Entdeckt ein Bildhauer bei der Arbeit einen Materiälfehler, so wird er seinen Entwurf dahingehend abändern, daß er den schwer zu bearbeitenden Knorren oder Riß seiner künstlerischen Konzeption einverleibt, und auf diese Weise seiner Arbeit einen spontanen Ausdruck verleihen. Der Erfindungsreichtum der Frauen in diesem Kapitel – wie auch in anderen Teilen des Buches – verwandelt das als Hindernis empfundene sexuelle Risiko und die Wut in das positive Erlebnis sexueller Erregung.

Der Wunsch, Tabus zu brechen, geht auf Konflikte mit der ersten Autoritätsperson unseres Lebens, unserer Mutter, zurück. Sie brachte uns bei, nicht ins Bett zu machen und mit unseren kindlichen Frustrationen fertigzuwerden. Was ihr damals gelang, wirkt sich bis heute auf uns aus. Schon als Kinder fanden wir solche Spiele am spannendsten, bei denen man sich nicht erwischen lassen durfte. Und in der Phantasie ist der Reiz besonders groß, wenn die betrogene oder hin-tergangene Person eine Autoritätsfigur ist – so auch bei Sheila, die nur an die »prüden«, sexualfeindlichen Verbote ihrer Mutter denken muß, um einen »wundervollen Höhepunkt« zu erreichen.

Der Reiz des Verbotenen liegt zum Teil darin, daß wir uns gegen eine Autorität auflehnen, zum Teil hängt er aber auch mit dem positiven Wunsch zusammen, die eigene Autorität zu begründen. Wir entwickeln unsere Persönlichkeit und gewinnen an Eigenständigkeit, indem wir uns über Verbote hinwegsetzen. Wenn wir nach dem vermeintlich Unerreichbaren greifen, loten wir unsere Grenzen aus, fest entschlossen, unser Leben selbst zu meistern.

Andrea empfindet ein Höchstmaß an Erregung, wenn sie sich heimlich gegen die altehrwürdigen Institutionen auflehnt, in denen sie erzogen wurde und für die sie jetzt arbeitet. Spät nachts masturbiert sie »in meinem öffentlichen/privaten Raum« – einer leeren Bibliothek, einem Konzertsaal oder Museum.

Sue Ellen rebelliert gegen die Autoritäten ihrer Kindheit, indem sie von Sex mit einer anderen Frau träumt und schon bald auch mit einem Hund, einem Mann, dann zwei weitere junge Männer und schließlich einen Priester und eine Nonne hinzuzieht.

Männer hatten nie Probleme damit, tabuisierte Geistliche in die Beschreibung ihrer sexuellen Abenteuer aufzunehmen. De Sade schreibt häufig von Jungfrauen, die von Mönchen oder Priestern vergewaltigt werden, und bei Casanova wimmelt es nur so von sexuellen Abenteuern mit Nonnen. Für Frauen hingegen waren Geistliche immer unberührbare Heilige. Ursprünglich brauchten die Frauen die Autorität der Kirche, um ihre Männer zu zähmen. Heutzutage wollen viele ihre eigene Zahmheit ablegen.

Bei Sue Ellen kommt ein Aspekt zum Tragen, der neu ist für Sexphantasien von Frauen: die Kirche als Instrument sexueller Unterdrückung. Sue Ellens Wut auf diesen Unterdrückungsapparat zeigt sich in der Grausamkeit, mit der sie in ihrer Phantasie einen Priester und eine Nonne fesselt und zu unfreiwilligen sexuellen Handlungen zwingt. Ihre Lust wird ihr verziehen, weil die Opfer gegen ihren Willen selbst Lust finden.

Die Religion bringt uns in Konflikt mit unseren sexuellen Wünschen. Die meisten von uns lernen im Religionsunterricht, daß Sex entweder schmutzig oder aber heilig sei, auf jeden Fall etwas, das man nicht tut, und das erfüllt viele mit Zorn. Frauen wie Sue Ellen wollen das nicht länger widerspruchslos hinnehmen.

In Phantasien wie der ihren zeigen sie, daß sie Macht über einen Bereich bekommen wollen, der ihnen bisher verboten war. Für Sue Ellen mag der Reiz ihrer Phantasien zum einen darin liegen, daß sie wie ein Kind einer Autorität die Zunge herausstreckt. Doch ebenso wichtig ist, daß sie sich als erwachsene Frau von anderen nicht mehr vorschreiben lassen will, wie sie zu leben hat.

Früher waren wir Frauen der Meinung, daß wir nach einem Wegfall der sexuellen Schranken und nach einer Befreiung der Sexualität aus psychologischer und ökonomischer Abhängigkeit nichts mehr zu bieten haben würden. Unser Geschlecht, unsere Jungfräulichkeit waren »unser wertvollstes Gut«. Kaum waren wir verheiratet, wurde die sexuelle Verweigerung zu unserer stärksten Waffe. Und deshalb fürchteten wir, daß wir in einer Welt sexueller Freiheit, ohne einen Partner, dem wir gehörten und der uns gehörte, unsichtbar und wertlos sein könnten. Statt dessen hat uns die sexuelle Freiheit die Erlösung gebracht. Wir haben gelernt, daß unser Wert sich nicht nach unserer Rolle als sexuelle Bremserinnen bemißt, sondern nach unserem Leben überhaupt.

Schriftsteller wie Dickens, Proust und Dostojewski verstanden es, die Mauern der Schuld zu durchbrechen und in die tiefsten Schichten des Unbewußten vorzudringen. Viele Frauen in diesem Kapitel schrek-ken vor dem schwülen Dschungel ihrer Gefühle nicht zurück. Wenn Dostojewski fähig war, in sein Inneres zu schauen und seine vatermörderischen Gefühle und seine sexuelle Zuneigung zu Kindern zu erkennen, so stellen sich die Frauen in diesem Kapitel unerschrocken ihren Wünschen nach sexueller Dominanz, Inzest und Pädophilie.

Oft wurde darüber diskutiert, warum nicht mehr Frauen Werke wie Die Brüder Karamasow geschaffen haben. In aller Regel wurde dies mit der sozialen Konditionierung der Frau erklärt. Die Erforschung solch undamenhafter Gefühle, wie sie die Literatur zum Thema hat, gehörte in der Vergangenheit nicht gerade zu den gesellschaftlich geförderten kulturellen Beschäftigungen der Frau.

„Anonymus ist eine Frau“ sagte Virginia Woolf und beantwortete damit aus ihrer Sicht die Frage, warum einige der schönsten überlieferten Gedichte von unbekannten Verfassern stammen.

Das hat sich geändert. In dem Maße, wie ökonomische, intellektuelle, religiöse und auch sexuelle Schranken fielen, bekamen mehr Frauen Zugang zu dem unerschöpflichen Energiereservoir der künstlerischen Kreativität.

Anmerkung:
Aus dem Zitierten geht u.a. auch hervor, dass an das biologische Kreuz nur männlicher Schwachsinn genagelt wurde und wieder wird. Hochwissenschaftlicher natürlich.
Stattdessen könnten sie endlich mal den Müll aus ihren Köpfen beseitigen, davon hätten sie nämlich zweifellos Vorteile.

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