Stephen Jay Gould „Der falsch vermessene Mensch“. (Einleitung)

Das Foto ist NICHT aus dem Buch. 😀

Zitiere: Eine Bemerkung zum amerikanischen Titel (The Mismeasure of Man)“‘ Ich hoffe, daß ein scheinbar auf den Männlichkeitswahn bezogener Titel richtig aufgefaßt wird — nicht nur als ein Wortspiel mit Pythagoras berühmtem Aphorismus, sondern auch als Kommentierung der Verfahren, wie sie die im Buch erörterten Deterministen anwandten. Sie untersuchten in der Tat «den Mann» (d. h. weiße europäische Männer), wobei sie diese Gruppe zum Maßstab erhoben und alle anderen Menschen zu deren Nachteil damit verglichen. Daß sie den «Mann» falsch vermaßen, unterstreicht ihren doppelten Trugschluß.

EINLEITUNG:

Bürger der Republik, riet Sokrates, seien zu erziehen und nach Verdiensten in drei Klassen einzuordnen: Herrscher, Wächter und Arbeiter. Eine in sich gefestigte Gesellschaft fordere, daß diese Ränge respektiert würden und die Bürger sich in den Status fügten, der ihnen zugewiesen sei. Doch wie läßt sich diese Fügsamkeit gewährleisten? Sokrates, der auf kein logisches Argument kommt, verfällt auf eine Sage. Etwas verlegen spricht er zu Glaukon:

«Wiewohl ich nicht weiß, woher ich die Dreistigkeit nehmen noch mit was für Worten ich es sagen und versuchen soll, zuerst die Befehlshaber selbst und die Krieger zu überreden, dann aber auch die übrige Stadt, daß, was wir an ihnen erzogen haben und gebildet, dieses ihnen nur wie im Traume vorgekommen sei, als begegne es ihnen und geschähe an ihnen, sie wären aber damals eigentlich unter der Erde gewesen und dort drinnen sie selbst gebildet und aufgezogen worden . . .»
Glaukon ruft empört aus: «Es war nicht ohne Grund, daß du dich so lange geschämt hast, diese Täuschung vorzutragen.» «Sehr natürlich,» antwortet Sokrates, «war das, aber höre doch auch noch das übrige der Sage.

Ihr seid nun also freilich, werden wir weitererzählend zu ihnen sagen, alle, die ihr in der Stadt seid, Brüder; der bildende Gott aber hat denen von euch, welche geschickt sind zu herrschen, Gold bei ihrer Geburt beigemischt, weshalb sie denn die köstlichsten sind, den Gehilfen aber Silber, Eisen hingegen und Erz den Ackerbauern und übrigen Arbeitern. Weil ihr nun so alle verwandt seid, dürftet ihr meistenteils zwar wohl auch selbst Ähnliche erzeugen, indem ein Götterspruch vorhanden sei, daß die Stadt dann untergehen werde, wenn Eisen oder Erz die Aufsicht über sie führe. Diese Erzählung also ihnen glaublich zu machen, weißt du dazu irgendwie Ralf» Glaukon antwortet: «Nirgendwie, daß sie selbst es glauben sollten, jedoch ihre Söhne wohl und deren Nachkommen und die übrigen späteren Menschen.»

Damit hatte Glaukon eine Prophezeiung gemacht. Die gleiche Sage ist seither in verschiedenen Spielarten verbreitet und geglaubt worden. Die Begründung dafür, zwischen den Gruppen eine Rangordnung nach angeborenem Wert aufzustellen, schwankte mit den Wechselfällen der abendländischen Geschichte. Plato setzte auf die Dialektik, die römische Kirche auf das Dogma. In den letzten 200 Jahren sind wissenschaftlich verbrämte Behauptungen zum Hauptmittel geworden, die Richtigkeit von Platos Sage nachzuweisen.

Dieses Buch handelt von der wissenschaftlichen Version von Platos Sage. Ihre allgemeine Argumentationslinie kann als biologischer Determinismus bezeichnet werden. Dieser behauptet, gemeinsame Verhaltensnormen und soziale und ökonomische Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen – hauptsächlich zwischen Rassen, Klassen und Geschlechtern – ergäben sich aus ererbten, angeborenen Unterschiedenen, und die Gesellschaft sei in diesem Sinne ein genaues Spiegelbild der Biologie. In diesem Buch wird in historischer Perspektive ein Hauptthema des biologischen Determinismus erörtert: Die Behauptung, man könne den Wert von Einzelnen und von Gruppen durch Messung der Intelligenz als Einzelgröße bestimmen. Zwei größere Datenquellen dienten zur Untermauerung dieser Argumentation: die Kraniometrie (oder Schädelmessung) und bestimmte Formen psychologischer Tests.

An die Stelle der Metalle bei Plato sind die Gene getreten. Die grundlegende Argumentation hat sich jedoch nicht verändert: Daß soziale und ökonomische Rollen die angeborene Veranlagung der Menschen genau widerspiegeln. Verändert hat sich allerdings ein Aspekt der geistigen Strategie: Sokrates wußte noch, daß er log.

Die Deterministen berufen sich häufig auf das traditionelle Prestige der Wissenschaft als objektive Erkenntnis, die frei von gesellschaftlicher und politischer Färbung sei. Sie stellen sich selbst als die Verbreiter der nüchternen Wahrheit dar, und ihre Gegner als der Gefühlsduselei, der Ideologie und dem Wunschdenken verfallen. Louis Agassiz (1850, S. 111) schrieb in Verteidigung seiner Behauptung, die Schwarzen seien eine andere Spezies: «Naturforscher haben ein Recht, die Fragen, die sich aus den physischen Relationen von Menschen ergeben, rein wissenschaftlich zu behandeln und sie ohne Bezug auf Politik oder Religion zu untersuchen.» Carl C. Brigham (1923) argumentierte wie folgt für eine Einwanderungssperre gegen Menschen aus Süd- und Osteuropa, die bei angeblichen Tests der angeborenen Intelligenz schlecht abgeschnitten hatten: «Die Schritte, die unternommen werden müssen, um unsere gegenwärtigen geistigen Fähigkeiten zu erhalten und zu steigern, müssen natürlich von der Wissenschaft und nicht von der Tagespolitik diktiert werden.» Und Cyril Burt beklagte sich unter Zitierung gefälschter Daten, zusammengestellt von einer erfundenen Miss Conway, daß Zweifel über die genetische Anlage der Intelligenzquotienten «eher auf den gesellschaftlichen Idealen oder den subjektiven Präferenzen der Kritiker zu fußen scheinen als auf einer eigenhändigen Überprüfung des Materials, das die gegenteilige Ansicht untermauert» (in Conway 1959, S. 15).

Da der biologische Determinismus für die herrschenden Gruppen von so eindeutigem Nutzen ist, darf man füglich vermuten, daß er trotz der oben zitierten Dementis auch in einem politischen Kontext entsteht. Wenn der Status quo naturgegeben ist, muß schließlich jede größere Veränderung, so sie überhaupt möglich ist, eine ungeheure Belastung – eine psychologische für den Einzelnen, oder eine wirtschaftliche für die Gesellschaft – bedeuten, wenn die Menschen dadurch in naturwidrige Verhältnisse gezwungen werden. In seinem epochemachenden Werk An American Dilemma (1944) erörterte der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal die Stoßrichtung der biologischen und medizinischen Argumentationen zur Natur des Menschen: «In Amerika wie in der übrigen Welt gehen sie mit konservativen und sogar reaktionären Ideologien einher. Unter ihrer langen Vorherrschaft entwickelte sich die Tendenz, fraglos biologische Ursachefaktoren zu unterstellen und gesellschaftliche Erklärungen erst nach langer Belagerung durch unwiderlegbare Tatsachen zu akzeptieren. Politisch gesehen begünstigte diese Tendenz eine Politik des Nichtstuns.» Oder, wie Condorcet es lange zuvor sehr prägnant ausdrückte: «sie machen die Natur selbst zum Komplizen des Verbrechens der politischen Ungleichheit.»

Dieses Buch will sowohl die wissenschaftlichen Schwächen als auch die politischen Kontexte deterministischer Argumentationen aufzeigen. Doch habe ich deswegen nicht die Absicht, bösen Deterministen, die vom Pfad der wissenschaftlichen Objektivität abweichen, aufgeklärte Anti-Deterministen gegenüberzustellen, die an Daten unbeeinflußt herangehen und folglich die Wahrheit entdecken. Vielmehr kritisiere ich den Mythos, die Wissenschaft sei selbst ein objektives Unterfangen und werde nur dann richtig betrieben, wenn Wissenschaftler die Zwänge ihrer Kultur abstreifen könnten und die Welt so sähen, wie sie wirklich ist.

Bei den Wissenschaftlern haben sich nur wenige erklärte Ideologen auf einer dieser beiden Seiten an der Debatte beteiligt. Wissenschaftler brauchen nicht zu ausdrücklichen Apologeten ihrer Schicht oder Kultur zu werden, damit ihre Äußerungen diese allgegenwärtigen Aspekte des Alltags widerspiegeln. Meine Botschaft lautet nicht, daß die biologischen Deterministen schlechte Wissenschaftler seien, oder gar, daß sie sich immer geirrt hätten. Vielmehr glaube ich, daß die Wissenschaft als gesellschaftliches Phänomen begriffen werden muß, als ein anspruchsvolles menschliches Unterfangen, und nicht als die Arbeit von Robotern, die darauf programmiert sind, reine Information zu sammeln. Auch vertrete ich diese Ansicht als Ansatzpunkt für die Wissenschaft, und nicht als düsteren Nachruf auf eine edle Hoffnung, die auf dem Altar menschlicher Schwächen geopfert worden ist.

Wissenschaft ist eine gesellschaftlich verankerte Tätigkeit, da sie von Menschen betrieben werden muß. Fortschritte erzielt sie durch Ahnungen, Weitblick und Intuition. Vieles von ihrem Wandel im Zeitverlauf bezeichnet nicht eine weitere Annäherung an die absolute Wahrheit, sondern die Veränderung der kulturellen Kontexte, von denen sie so nachhaltig beeinflußt wird. Fakten sind keine reinen und unverfälschten Informationsbröckchen; auch die Kultur hat Einfluß darauf, was wir sehen, und wie wir es sehen. Darüber hinaus sind Theorien keine unerbittlichen Ableitungen aus Fakten. Die kreativsten Theorien sind häufig phantasievolle Visionen, die den Fakten übergestülpt werden; die Quelle der Phantasie ist ebenfalls stark kulturell bestimmt.

Diese Argumentation ist für viele praktizierende Wissenschaftler zwar noch Anathema, doch wird sie meiner Ansicht nach von nahezu jedem Wissenschaftshistoriker akzeptiert. Indem ich sie vortrage, lasse ich mich jedoch nicht auf eine inzwischen in manchen Historikerkreisen beliebte Überstrapazierung ein: die rein relativistische Behauptung, der wissenschaftliche Wandel spiegle nur die Veränderung gesellschaftlicher Kontexte wider, die Wahrheit außerhalb kultureller Annahmen sei ein Begriff ohne Bedeutung und die Wissenschaft könne daher keine Antworten von Dauer geben. Als praktischer Wissenschaftler teile ich das Credo meiner Kollegen: ich glaube, daß es eine faktische Wirklichkeit gibt, und daß die Wissenschaft, auch wenn sie häufig begriffsstutzig und ziellos vorgeht, etwas über sie in Erfahrung bringen kann. Dem Galilei wurden die Folterwerkzeuge nicht in einer abstrakten Debatte über die Bewegung des Mondes gezeigt. Er hatte die hergebrachte Argumentation der Kirche zugunsten der Stabilität der Gesellschaft und der reinen Lehre in’s Wanken gebracht: die unveränderliche Weltordnung, bei der sich die Planeten um die Erde als Mittelpunkt drehten, die Priester dem Papst und die Leibeigenen ihrem Herrn Untertan waren. Doch machte die Kirche bald ihren Frieden mit Galileis Kosmologie. Sie hatte keine andere Wahl; die Erde dreht sich halt doch um die Sonne.

Dennoch ist die Geschichte vieler wissenschaftlicher Themen aus zwei Hauptgründen praktisch frei von solchem Faktenzwang. Erstens sind manche Themen mit ungeheurer gesellschaftlicher Bedeutung besetzt, doch mit sehr wenig zuverlässiger Information gesegnet. Wenn das Verhältnis zwischen Daten und gesellschaftlicher Auswirkung so ungünstig ist, könnte eine Geschichte wissenschaftlicher Einstellungen nur wenig mehr als ein schiefes Abbild sozialen Wandels sein. Die Geschichte der wissenschaftlichen Ansichten über Rassen beispielsweise kann als Spiegel sozialer Bewegungen dienen (Provine, 1973). Dieser Spiegel wirft in guten wie in schlechten Zeiten, in Perioden des Glaubens an die Gleichheit und m Zeiten zügellosen Rassismus, ein getreues Bild zurück. Das Sterbeglöckchen läutete der alten Eugenik in Amerika mehr infolge von Hitlers spezieller Anwendung einst beliebter Argumente zugunsten von-Sterilisation und Reinhaltung der Rasse, als infolge von Wissensfortschritten in der Genetik.
Zum Zweiten werden viele Fragen von Wissenschaftlern so eingeschränkt formuliert, daß jede legitime Antwort nur eine gesellschaftliche Präferenz bestätigen kann. Ein großer Teil der Debatte über rassenspezifische Unterschiede bei geistigen Fähigkeiten ging beispielsweise von der Annahme aus, daß die Intelligenz etwas sei, was im Kopf sitzt. Solange diese Vorstellung nicht überwunden war, konnten auch noch so viel Daten die starke abendländische Tradition nicht erschüttern, verwandte Einzelfakten zu einer fortschreitenden Kette der Daseinsentwicklung zusammenzufügen.

Die Wissenschaft kann sich ihrer merkwürdigen Dialektik nicht entziehen. Eingebettet in die sie umgebende Kultur, kann sie dennoch ein mächtiges Mittel sein, die Annahmen, aus denen sie sich nährt, infrage zu stellen oder gar umzustoßen. Die Wissenschaft kann Informationen liefern, die das Verhältnis zwischen Daten und gesellschaftlicher Wirkung günstiger machen. Wissenschaftler können darum kämpfen, die kulturspezifischen Annahmen ihrer Zunft zu identifizieren und zu fragen, wie Antworten unter anderen Grundannahmen formuliert werden könnten. Wissenschaftler können kreative Theorien vortragen, die verblüffte Kollegen zwingen, bisher fraglos hingenommene Verfahren in Zweifel zu ziehen. Doch das Potential der Wissenschaft als Instrument zur Identifizierung der auf ihr lastenden kulturellen Zwänge kann erst dann voll ausgeschöpft werden, wenn die Wissenschaftler auf den Doppelmythos der Objektivität und des unerbittlichen Strebens nach Wahrheit verzichten. In der Tat muß man den Balken im eigenen Auge sehen, bevor man die allgegenwärtigen Splitter in den Augen aller anderen richtig interpretieren kann.

Dann können die Balken vom Hindernis zum Mittel des Fortschritts werden.
Gunnar Myrdal (1944) hat beide Seiten dieser Dialektik eingefangen, als er schrieb:
Eine Handvoll Gesellschaftswissenschaftler und Biologen haben in den letzten 50 Jahren allmählich die Wissenden gezwungen, auf einige der krassesten biologischen Fehlinterpretationen zu verzichten. Doch muß es immer noch zahllose Fehler derselben Art geben, die wegen des Nebels, in den uns unsere Art von abendländischer Kultur hüllt, noch kein heutiger Mensch erkennen kann. Kulturelle Einflüsse stellen die Annahmen über den Geist, den Leib und die Welt auf, von denen wir ausgehen; formulieren die Fragen, die wir stellen; beeinflussen die Fakten, nach denen wir suchen; bestimmen, wie wir diese Fakten interpretieren; und steuern unsere Reaktion auf diese Interpretationen und Schlußfolgerungen.

Der biologische Determinismus ist ein zu umfangreiches Thema für einen Autor und ein Buch – denn er berührt praktisch jeden Aspekt der Wechselbeziehung zwischen Biologie und Gesellschaft seit den Anfängen der modernen Wissenschaft. Ich habe mich daher auf eine zentrale und bewältigbare Argumentation im Gebäude des biologischen Determinismus beschränkt – eine Argumentation in zwei historischen Kapiteln, die auf zwei krassen Trugschlüssen beruht und auf gleiche Weise vorgetragen wurde.

Die Argumentation beginnt mit einem dieser Trugschlüsse -der Verdinghchung oder unserer Neigung, abstrakte Begriffe in Wesenheiten zu verwandeln. Wir erkennen die Bedeutung der geistigen Leistungsfähigkeit in unserem Leben und möchten sie charakterisieren, teilweise, um die Einteilungen und Unterscheidungen zwischen den Menschen treffen zu können, wie sie unsere kulturellen und politischen Systeme diktieren. Also besetzen wir diesen wunderbar komplexen und vielfältigen Fächer menschlicher Fähigkeiten mit dem Wort «Intelligenz». Dieses Kürzel wird sodann verdinglicht und die Intelligenz erhält ihren zweifelhaften Status als einheitliches Ding.

Sobald die Intelligenz zu einer Wesenheit geworden ist, wird von den Standardverfahren der Wissenschaft praktisch diktiert, daß für sie ein Ort und ein physisches Substrat gefunden wird. Da das Gehirn der Sitz der Geistigkeit ist, muß auch die Intelligenz dort ansässig sein.

Nun stoßen wir auf den zweiten Trugschluß – die Aufstellung von Rangordnungen oder unsere Neigung, komplexe Variationen auf einer allmählich ansteigenden Skala einzuordnen. Metaphern des Fortschritts und des Gradualismus gehören zu den häufigsten im abendländischen Denken — man vergleiche Lovejoys klassischen Aufsatz (1936) über die große Kette der Daseinsentwicklung oder Burys berühmte Abhandlung (1920) über die Idee des Fortschritts. Ihre gesellschaftliche Nutzanwendung dürfte aus dem folgenden Rat von Booker T. Washington (1904, S. 245) an das schwarze Amerika hervorgehen:
Eine der Gefahren für meine Rasse ist, daß sie vielleicht ungeduldig wird und das Gefühl bekommt, sie käme durch künstliche und oberflächliche Anstrengungen eher auf die Füße als durch den langsameren, aber sichereren Prozeß, bei dem jeweils nur ein Schritt durch die aufeinander aufbauenden Stufen der industriellen, geistigen, moralischen und gesellschaftlichen Entwicklung getan wird, die alle’Rassen durchlaufen mußten, bevor sie unabhängig und stark wurden.

Doch erfordert die Rangeinteilung ein Kriterium, um allen Individuen in einer einzigen Reihe den richtigen Status zuzuweisen. Und welches Kriterium ist besser als eine objektive Zahl? Also ist die Quantifizierung, oder die Messung der Intelligenz als einzelne Zahl für jeden Menschen der gemeinsame Ansatz, in welchen beide gedanklichen Trugschlüsse eingehen.“‚ Dieses Buch handelt also von der Abstraktion der Intelligenz zu einer einzigen Wesenheit, ihrer Lokalisierung im Gehirn, ihrer Quantifizierung als Zahl für jedes Individuum, und der Anwendung dieser Zahlen zur Rangeinordnung von Menschen in einer einzigen Wertreihe, mit dem unvermeidlichen Ergebnis, unterdrückte und benachteiligte Gruppen — Rassen, Schichten oder Geschlechter – seien von Geburt an minderwertig und verdienten ihren Status. Kurz gesagt, handelt dieses Buch von der falschen Vermessung des Menschen.

Peter Medawar (1977, S. 13) bietet weitere interessante Beispiele für «die Illusion, die in dem Bestreben enthalten ist, komplexen Größen eine einzige Wertzahl zuzuweisen» — zum Beispiel die Versuche der Demographen, Ursachen für Bevölkerungstrends in einer einzigen Maßzahl der «Fortpflanzungsfähigkeit» zu suchen, oder den Wunsch der Bodenwissenschaftler, den «Bodenwert» zu einer Einzelzahl zu abstrahieren.

Indem ich mich an die Verengungen der oben skizzierten Argumentation hatte, behandle ich nicht alle Theorien der Kramometrie (z. B. lasse ich die Phrenologie aus, weil sie die Intelligenz nicht als einzige Wesenheit verdinglichte, sondern multiple Organe im Hirn suchte). In gleicher Weise schließe ich viele bedeutende und häufig quantifizierte Ansätze des Determinismus aus, die nicht bestrebt waren, die Intelligenz als Eigenschaft des Hirns zu messen – z. B. den größten Teil der Eugenik.

In den letzten beiden Jahrhunderten waren verschiedene Argumentationen für Rangeinordnungen typisch. Die Schädelmessung war während des 19. Jahrhunderts die führende Zahlenwissenschaft des biologischen Determinismus. Ich erörtere (in Kapitel 2) die äußerst umfangreichen Daten, die vor Darwin zur Einordnung der Rassen nach ihrer Hirngröße gesammelt wurden – die Schädelsammlung des Arztes Samuel George Morton aus Philadelphia. Kapitel 3 behandelt die Blüte der Kraniometrie als strenge und angesehene Wissenschaft in der Schule Paul Brocas Ende des 19. Jahrhunderts in Europa. Kapitel 4 unterstreicht sodann die Auswirkung quantitativer Ansätze gegenüber der Anatomie des Menschen im biologischen Determinismus des 19. Jahrhunderts. Es präsentiert zwei Fallstudien: die Rekapitulationstheorie als Hauptkriterium der Evolutionstheorie für die umhneare Einordnung von Menschengruppen und den Versuch, kriminelles Verhalten als biologischen Atavismus zu erklären, der sich in der affenartigen Morphologie von Mördern und anderen Übeltätern äußere.

Was die Kraniometrie für das neunzehnte Jahrhundert war, ist der Intelligenztest für das zwanzigste geworden, wenn man davon ausgeht, daß Intelligenz (oder zumindest ein dominanter Teil davon) eine einzige, angeborene vererbliche und meßbare Sache ist. Ich erörtere die beiden Komponenten dieses unhaltbaren Ansatzes für das Testen geistiger Fähigkeiten m Kapitel 5 (die vererbungstheoretische Version der Intelligenzquotientenskala als amerikanisches Produkt) und in Kapitel 6 (die Argumentation zur Verdinglichung der Intelligenz zu einer einzigen Wesenheit durch das mathematische Verfahren der Faktorenanalyse). Die Faktorenanalyse ist ein schwieriges mathematisches Thema, das in Publikationen für Nichtfachleute fast stets ausgelassen wird. Dennoch glaube ich, daß es in einer bildlichen und nichtnumerischen Art und Weise zugänglich gemacht und erläutert werden kann. Das Material von Kapitel 6 ist immer noch «keine leichte Lektüre», doch konnte ich es nicht weglassen — denn die Geschichte des Intelligenztests kann man nicht verstehen, ohne die faktorenanalytische Argumentation zu erfassen und den grundlegenden begrifflichen Fehlschluß zu begreifen, den sie enthält. Die große Debatte um den Intelligenzquotienten ergibt keinen Sinn ohne Behandlung dieses üblicherweise entfallenden Themas.

Ich habe versucht, diese Themen unkonventionell abzuhandeln, unter Benutzung einer Methode, die außerhalb des traditionellen Blickfeldes des einzeln vorgehenden Naturwissenschaftlers oder Historikers fällt. Historiker behandeln quantitative Details selten anhand von Primärdaten. Sie schreiben, wie ich das nicht so gut kann, über gesellschaftlichen Kontext, Lebensgeschichte oder allgemeine Geistesgeschichte. Naturwissenschaftler sind gewohnt, die Daten ihrer Kollegen zu analysieren, doch interessieren sich nur wenige so viel für Geschichte, daß sie die Methode auch auf ihre Vorgänger anwenden würden. So haben viele Gelehrte über Brocas Wirkung geschrieben, doch hat keiner seine Zahlen nachgerechnet.

Auf die erneute Analyse der klassischen Daten der Kraniometrie und der Intelligenztests habe ich mich noch aus zwei anderen Gründen konzentriert als meiner Unfähigkeit, auf andere Weise sinnvoll vorzugehen, und meines Wunschs, etwas ganz anderes zu machen. Zunächst glaube ich, daß der Teufel im Detail liegt. Wenn die kulturellen Einflüsse auf die Wissenschaft sogar in den langweiligen Protokollen einer angeblich objektiven, fast automatischen Quantifizierung festzustellen sind, darf als gesichert gelten, daß der biologische Determinismus auf ein von Wissenschaftlern in ihrem eigenen Medium widergespiegeltes soziales Vorurteil hinausläuft.

Der zweite Grund für die Analyse quantitativer Daten ergibt sich aus dem besonderen Status, den Zahlen genießen. Die Mystik der Wissenschaft verkündet, Zahlen seien die endgültige Nagelprobe auf Objektivität. Gewiß können wir ein Hirn wiegen oder einem Intelligenztest Punktwerte geben, ohne zugleich unsere sozialen Präferenzen festzuhalten. Wenn Rangordnungen in unanfechtbaren Zahlen dargestellt werden, die durch exakte und standardisierte Verfahren erzielt wurden, dann müssen sie die Realität auch dann widerspiegeln, wenn sie bestätigen, was wir von vornherein glauben wollten. Gegner des Determinismus sind sich durchaus darüber klar, welches besondere Prestige Zahlen haben und wie schwierig es ist, sie zu widerlegen. Leonce Manouvrier (1903, S. 406), das determinismusfeindliche schwarze Schaf in Brocas Pferch, und selbst ein hervorragender Statistiker, schrieb zu Brocas Daten über kleine Gehirne von Frauen:

Frauen habe ihre Begabungen und ihre Diplome vorgewiesen. Auch haben sie philosophische Autoritäten bemüht. Doch standen ihnen Zahlen gegenüber, wie sie Condorcet oder John Stuart Mill noch nicht kannten. Diese Zahlen sausten auf die armen Frauen wie Schmiedehämmer nieder, begleitet von Kommentaren und Sarkasmen, die noch grausamer waren als die weiberfeindlichsten Bannflüche gewisser Kirchenväter. Die Theologen hatten die Frage gestellt, ob Frauen eine Seele hätten. Mehrere Jahrhunderte später waren einige Wissenschaftler bereit, ihnen die menschliche Intelligenz abzusprechen.

Wenn – wie ich glaube gezeigt zu haben – quantitative Daten kulturspezifischen Zwängen genauso unterworfen sind wie jeder andere Aspekt der Wissenschaft, dann können sie keinen besonderen Anspruch auf letzte Wahrheit erheben.

Bei der erneuten Analyse dieser klassischen Datenmengen konnte ich ständig ein von vornherein vorhandenes Vorurteil feststellen, das die Wissenschaftler zu unhaltbaren Schlußfolgerungen aus adäquaten Daten verführte oder sogar die Datenerhebung selbst verzerrte. In einigen wenigen Fällen – Cyril Burts nachgewiesenem Fabrizieren von Daten über Intelligenzquotienten eineiiger Zwillinge und meiner eigenen Entdeckung, daß Goddard Photographien retuschierte, um geistige Zurückgebliebenheit bei den Kallikaks zu suggerieren – können wir bewußte Täuschung als Ursache des eingeflossenen sozialen Vorurteils angeben. Täuschungsversuche sind historisch nur als Klatsch interessant, weil Betrüger wissen, was sie tun. Unbewußte Voreingenommenheiten, die die subtilen und unumgänglichen kulturellen Zwänge für die Nachwelt protokollieren, können daran nicht anschaulich werden. In den meisten in diesem Buch erörterten Fällen können wir ziemlich sicher sein, daß Voreingenommenheiten -obwohl sie häufig genauso unverfroren zum Ausdruck kommen wie in den Fällen bewußter Täuschung – unbewußten Einfluß ausübten und die Wissenschaftler glaubten, sie seien der reinen Wahrheit auf der Spur.

Da viele der hier vorgestellten Fälle nach heutigen Maßstäben so offenkundig sind, ja sogar zum Lachen reizen, möchte ich betonen, daß ich keine billigen Scherze über Randfiguren machen will (mit Ausnahme vielleicht von Mr. Bean in Kapitel 3, den ich als Auftakt zur Veranschaulichung eines allgemeinen Punktes nutze, und Mr. Cartwright in Kapitel 2, dessen Aussagen zu schön sind, als daß man darüber hinweggehen könnte). Schlechte Scherze gibt es knüppeldick – sie reichen von einem Eugeniker namens W. D. McKim, Ph. D. (1900), der der Ansicht war, daß alle nächtlichen Einbrecher mit Kohlendioxyd erledigt werden sollten, bis zu einem gewissen Professor aus England, der Ende des 19. Jahrhunderts die Vereinigten Staaten bereiste und den unerbetenen Rat erteilte, dort könne man das Rassenproblem lösen, wenn jeder Ire einen Neger killen würde und dafür hängen müsse. Schlechte Scherze sind ebenfalls Klatsch und nicht Geschichte; sie sind kurzlebig und ohne Einfluß, so unterhaltsam sie sein mögen. Ich habe mich auf die damals führenden und einflußreichsten Wissenschaftler konzentriert und ihre Hauptwerke analysiert.

Bei den meisten Fallstudien, aus denen dieses Buch besteht, habe ich es genossen, den Kriminalisten zu spielen: Textstellen zu finden, die in veröffentlichten Briefen kommentarlos gestrichen sind, Zahlenangaben nachzurechnen, um Fehler aufzufinden, welche die Erwartungen stützen, aufzudecken, wie an sich adäquate Daten durch Vorurteile so gefiltert werden können, daß vorherbestimmte Ergebnisse herauskommen, ja meinen eigenen Studenten den Army Mental Test für Analphabeten vorzulegen, wobei die Ergebnisse aufschlußreich waren. Doch vertraue ich darauf, daß der Fleiß, den jeder Forscher in Details investieren muß, die allgemeine Botschaft nicht überdeckt: nämlich, daß die Argumente der Deterministen für eine Einordnung von Menschen nach einer einzigen Intelligenzskala, ungeachtet, wie raffiniert sie numerisch sein mag, nur wenig mehr als das soziale Vorurteil festhalten – und daß wir aus einer solchen Analyse etwas Hoffnungsvolles über den Charakter der Wissenschaften erfahren.

Wenn dieses Thema nur das abstrakte Steckenpferd eines Gelehrten wäre, könnte ich es in gemäßigterem Tonfall angehen. Doch haben wenige biologische Themen einen direkteren Einfluß auf das Leben von Millionen von Menschen gehabt. Der biologische Determinismus ist seinem Wesen nach eine Grenztheorie. Er akzeptiert den gegenwärtigen Status von Gruppen als Maß dafür, wo sie stehen sollten und müssen (auch wenn er einigen wenigen Individuen gestattet, infolge vorteilhafter biologischer Anlagen aufzusteigen).

Ich verliere wenig Worte über das gegenwärtige Wiederaufleben des biologischen Determinismus, weil seine Einzelbehauptungen gewöhnlich so kurzlebig sind, daß ihre Widerlegung in einen Zeitschriftenartikel oder in eine Tageszeitung gehört. Wer erinnert sich auch nur noch an die heißen Themen von vor zehn Jahren: Shockleys Vorschläge, freiwillig Sterilisierte danach zu entschädigen, wieviele Intelligenzquot’ientenpunkte sie unter 100 liegen, die große Debatte über das XYY-Chromosom oder den Versuch, die Krawalle in den Städten mit einer neurologischen Erkrankung der Beteiligten zu erklären.

Ich war der Ansicht, daß es wertvoller und interessanter sei, die ursprünglichen Quellen der Argumentationen zu untersuchen, von denen wir heute noch umgeben sind. Diese zumindest weisen große und aufschlußreiche Fehler auf. Inspiriert wurde ich jedoch zu diesem Buch, weil der biologische Determinismus wieder beliebter wird, wie immer in Zeiten politischen Rückschritts. Auf den Cocktailparties werden die üblichen Tiefgründigkeiten über angeborene Aggression, Geschlechterrollen und den nackten Affen ausgetauscht. Millionen Menschen vermuten inzwischen, daß ihre sozialen Vorurteile doch auf wissenschaftlichen Fakten beruhen. Indessen sind diese latenten Vorurteile selbst und nicht etwa neue Daten die Hauptursache für das neuerliche Interesse.

Wir kommen nur einmal auf diese Welt. Nur wenige Tragödien sind größer, als wenn das Leben verpfuscht wird, wenig Ungerechtigkeiten tiefer, als wenn die Chance, aufzustreben oder auch nur zu hoffen, an einer Grenze zunichte wird, die von außen gesetzt ist, aber fälschlicherweise als im eigenen Innern liegend wahrgenommen wird. Cicero erzählt die Geschichte von Zopyrus, welcher behauptete, Sokrates habe angeborene Laster, die schon aus seiner Physiognomie hervorgingen. Dessen Schüler wiesen die Behauptung zurück, doch Sokrates verteidigte Zopyrus und erklärte, er habe tatsächlich diese Laster, doch habe er ihre Wirkung durch die Anwendung der Vernunft aufgehoben. Wir leben in einer Welt voller menschlicher Unterschiede und Voreingenommenheiten, doch die Extrapolation solcher Fakten zu Theorien unveränderlicher Grenzen ist Ideologie.

Die Schriftstellerin George Eliot hat das besonders schwere Schicksal gut erfaßt, welches die biologische Etikettierung Mitgliedern benachteiligter Gruppen aufbürdet. Sie hat es für Menschen wie sie selbst ausgedrückt — für Frauen mit außergewöhnlicher Begabung. Ich würde es auf einen noch größeren Kreis anwenden – nicht nur auf solche, deren Träume verlacht werden, sondern auch auf jene, denen nie bewußt wird, daß sie Träume haben dürfen. Doch kann ich es mit ihrer Prosa (aus dem Vorwort zu Middlemarch) nicht aufnehmen:

Manche meinen, daß diese ziellose Lebensführung auf die lästige Unbestimmtheit zurückzuführen ist, mit der der Allerhöchste die Natur der Weiber gestaltet hat: wenn es ein Niveau weiblicher Inkompetenz gäbe, so genau umrissen wie die Fähigkeit, nur bis drei zählen zu können, könnte das soziale Schicksal von Frauen mit wissenschaftlicher Gewißheit abgehandelt werden. Die Grenzen der Variation sind in Wirklichkeit viel weiter gezogen, als irgendjemand sich aufgrund der Gleichartigkeit der Frauenfrisuren und der beliebtesten Liebesgeschichten in Prosa und Versen vorstellen kann. Hier und da wird voller Unbehagen ein junger Schwan zwischen den Entlein auf dem trüben Teich großgezogen, und findet nie ins fließende Wasser zur Gemeinschaft seiner ruderfüßigen Genossen. Hie und da wird eine heilige Theresa geboren, die nichts stiftet, deren liebevollen Herzschläge und Seufzer nach einer unerreichten Güte verzittern und sich zwischen Hindernissen verzetteln, anstatt sich zu einer lange sichtbaren Tat zufügen.

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